Digitale Stammtische, oder: die Chronologie eines Trolls


Die Nähe zu Lebenswelt und Diskurs sind immer wichtig, wenn es darum geht theoretische Konstruktionen erklärbar zu machen.

Dies hilft mir in meinen Vorträgen und Seminaren, ist natürlich nicht innovativ (kein Rethorik-Ratgeber kommt ohne diesen Hinweis aus) – aber immer wieder spannend.

Neulich auf Instagram ereignete sich folgender Fall:

Alles begann an einem Montag Abend. Ein diffuser Start in die Arbeitswoche ging zu Ende und ich schaute bei Instagram vorbei, um zu sehen was mir mehr oder weniger bekannte und für mich interessante Menschen so zu präsentieren hatten. Einer dieser Menschen ist Christian Lindner (CL), bekannt auf Funk und Fernsehen und ein Weggefährte aus lange vergangenen Zeiten als kommunaler Mandatsträger. Christian (ich darf das, wir sind beim Du) war mit einer Delegation in Spanien und von einem Treffen postete er ein Foto mit Kommentar. In der überschaubaren Menge von Kommentaren stach ein kurzer Dialog für mich besonders hervor.

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Ich kommentierte die polemische Äußerung dieses Trolls und erntete unerwartet heftig eine (erneut polemische) Response:

Wie reagieren? Zugegebenermaßen war ich persönlich getroffen, konnte mich aber von dem Reflex sofort empört zu antworten lösen. Ich wartete ab. Siehe da, eine weitere, diesmal ins beleidigende gehende Polemik. Diesmal aber nicht über die Seite von CL sondern direkt auf meinem Insta-Profil. Hier wurde eines der für mich persönlich wichtigsten Leistungen der letzten Jahre (wenn nicht gar meines Lebens) polemisch diffamiert.

Jetzt konnte ich nicht mehr schweigen, reagierte aber nicht mit Wut sondern mit Ironie

Diese kleine Episode dient mir nicht dazu den Menschen, der sich „HOP“ nennt, zu diffamieren. Nein, sie ist für mich ein hervorragendes Beispiel um zu verdeutlichen, was Digitalität, also digital-analoge Balance bedeutet.

Chronologie eines Trolls:

Phase 1: Attacke – Polemik Stufe 1

In der Regel wird eine Person des öffentlichen Lebens mit einer möglichst großen Anzahl von Anhängern in den Fokus genommen (hier CL, Parteivorsitzender FDP, 65.900 Follower bei Instagram).

Phase 2: Attacke Attacke – Polemik Stufe 2

CL wehrt sich und wird noch schärfer attackiert. Ein Follower (in dem Falle ich) kommt hinzu, um den attackierten in Schutz zu nehmen.

Phase 3: Ausweitung der Polemik – Polemik Stufe 3

Der Troll nimmt nun den Unterstützer ins Visier und beginnt leicht stalkend den Versuch diesen Unterstützer durch beleidigende Polemik unter Druck zu setzen – in der Hoffnung, dass dieser die Polemik abwehrt, damit die Eskalationsstufe steigen kann. Ich kenne dies Mechanismen aus der Schulzeit, als Mitschüler_innen gemobbt wurden und sich der Mob freute, wenn die Opfer reagierten, so konnte der Mob munter weiter machen.

Hier konnte aber eine weitere Eskalation vermieden werden.

Im Gegenteil, als Dank auf meine ruhig-abwartende, wertschätzende und trotzdem humorvolle Reaktionen habe ich nun einen Follower mehr! Hallo HOP!

Schöne Engel 🙂

Was bedeutet dass nun für die Frage nach digital-analoger Balance im Zeitalter von Digitalität?

  1. Trolle und sonstige Hater benehmen sich in Ihrer Ausdrucksweise wie an einem Stammtisch.
  2. Instagram oder andere Orte sozialer Vernetzung sind digitale Stammtische mit enormer Größe, in dem vorliegenden Fall „sitzen“ 65900! Menschen an diesem Tisch.
  3. Respektvoller Umgang mit vielleicht anders denkenden gehört nicht nur in der Analogen Welt, sondern und gerade auch in digitalen Sozialräumen zum guten Ton. Bloß weil ich in meinem stillen Kämmerlein eine Nachricht/Polemik o.ä. schreibe, ist dies keineswegs privat.
  4. Sich hinter Pseudonymen zu verstecken, anstatt seinen Klarnamen zu benutzen machte alles nur noch schlimmer.
  5. Wertschätzung und vielleicht auch eine Prise Humor helfen mehr als aggressive Gegenwehr – wir leben nicht in Zeiten von digitalen Disruptionen, sondern Digitalität! Ein Blick nach hinten, hilft uns für das was vor uns liegt: Gewaltfreies Leben ist keine neue Erfindung des 21. Jahrhunderts.

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